Por Elisabeth Geisel, co-ordinator ENCA European Network of Childbirth Associations” www.enca.eu, autora y childbirth educator GfG, Alemania.
Auf der Suche nach aktualisierten Qualitätskriterien für die Geburtshilfe im 21. Jahrhundert
Es gibt Sprecher, die, kaum dass sie auf der Bühne sind, es schaffen ihr Publikum zu faszinieren: ohne aufwändige Power-point Präsentation, sondern weil das, was sie sagen, auf das Publikum überspringt.
Vielleicht hatten die Vortragenden es dieses mal leichter als sonst, weil der Konferenzraum eine natürliche Magie auf die TeilnehmerInnen ausübte: Wir befanden uns im Auditorium Alfredo Kraus, im Konferenz-Center in Las Palmas de Gran Canaria, der mit seinem Blick auf den bewegten Ozean durch die riesigen Glaswände eine atemberaubende Wirkung hat. Die Geburt der Venus von Botticelli hatte – in Form des Konferenz-Logos – eingeladen: sinnbildlich die Göttin der Liebe, die sich dem Land nähert. Wir spürten, dass wir am richtigen Ort angekommen waren, um über die langfristigen Auswirkungen der Geburtsmodi auf die Entwicklung der Liebesfähigkeit des Einzelnen, und so der Gesellschaft und damit langfristig der Zivilisation zu reflektieren.
Der Vortrag von Prof. Kerstin Uvnäs-Moberg, Karolinska Insitute (Stockholm) war der Mittelpunkt, an dem sich alle anderen Vorträge orientierten. Ihre grundlegenden Studien belegen, welch großen Einfluss das endogene Hormon Oxytozin sowohl für die Geburt als auch für die Anpassungsprozesse der Mutter nach der Geburt, als auch für die Entwicklung der Bindung zwischen Säugling und Mutter hat. Oxytozin ist der Wegweiser für Mutterschaft, setzt Mutter und Kind in der sensiblen Phase nach der Geburt in einen Zustand des physiologisch messbaren Verliebtseins, der sich physiologisch lebenslang auswirkt.
Dr. Michael Stark, Entwickler der Misgav Ladach Kaiserschnittsmethode, die schonender und besser verträglich ist für die Frauen, und auch Autor des in Deutschland neu erschienen Buches „Kaiserschnitt“, plädierte vehement dafür, Kaiserschnitt nur mit der richtigen Indikation anzuwenden. In seinem Vortrag wies er den Ausdruck „sanfter Kaiserschnitt“ weit von sich.
Mario Merialdi, coordinator for maternal and perinatal health bei der WHO hat die Empfehlung der WHO bekräftigt und gezeigt, wie jenseits der 10-15% Kaiserschnittsrate eine Umkehr stattfindet: darüber hinaus steigt die Mortalitätsrate wieder an. Weit darunter dagegen, wie in Äthiopien (1%) ist die Müttersterblichkeit sehr hoch.
Prof. Anthony Costello, Institute of Child Health, London, hat eindruckvoll seine Feldarbeit in Ländern wie Nepal und Bangladesch dargestellt, wo Armut, fehlende Hygiene und Mangelernährung die perinatale Mortalität sowie die Müttersterblichkeit in die Höhe treiben. Er plädiert für ein Umdenken, um effizientere Hilfeprogramme zu implementieren: beispielsweise low-cost Programme, die die vorhandenen Dorfstrukturen und Ressourcen nutzen, die die Frauen als Multiplikatorinnen einbeziehen, um das Wissen über Hygiene und Bedürfnisse eines Neugeborenen zu verbreiten und damit dazu beitragen, todbringende Rituale zu verdrängen. Costello erwähnte das Känguru-Tragen für Frühgeborenen als das Beste dort, wo in jedem Krankenhaus zahlreiche defekte Inkubatoren herumstehen. Seine Appelle, der Spekulation auf Lebensmittel ein Ende zu setzen, und seine Schlussbemerkung über die Globalisierung und den Klimawandel, die die Armen noch härter treffen werden als die Reichen, obwohl sie nicht dazu beigetragen haben, fanden großes Echo.
Die Wissenschaft zeigt den Weg in die Zukunft
Zahlreiche existenzielle Fragen wurden im Laufe der drei Tage thematisiert:
In vielen anderen Vorträgen, Workshops und Foren wurden die oben genannten Themen vertieft und ausgeweitet. Es ging um Krieg und Frieden, um Gewaltbereitschaft, um Salutogenese, und von Russland über Japan nach Chile, wie die Kreissaalroutine die Verhaltensweisen und die Gesundheit der kommenden Generationen prägen. Eines wurde klar: Es scheint keine Utopie mehr zu denken, dass in zwei bis drei Generationen die physiologische Geburt eines Menschen eine Ausnahme sein dürfte. Es sei denn, wir verstehen, dass wir an einem Wendepunkt angekommen sind, und benutzen die wissenschaftlichen Erkenntnisse, um unser Tun entsprechend zu verändern.
Mutter und Kind wohlauf reicht im 21.Jht nicht mehr, ein Langzeitdenken ist von Nöten, deswegen sollten neue Kriterien eingeführt werden, um die Qualität der Geburtshilfe zu bewerten. Diese scheinbar gewagte Forderung stand dann im Raum. Bis vor etwa 50 Jahren haben Frauen nur mit Hilfe des Bindungshormons Oxytozin gebären können, aber viele Rituale führten dazu, sie unmittelbar nach der Geburt von ihrem Kind zu trennen. Paradoxerweise erleben wir jetzt, wo die Wissenschaft uns die verhaltensverändernde Wirkung des Oxytozins gezeigt hat, dass just der Fluss dieses Hormons langsam zu versickern droht. In den Großstädten Brasiliens und Mexicos erreicht die Kaiserschnittsrate 90%. Mehr noch, ein Oxytozin-Tropf ist die weltweit am weitesten verbreitete Intervention z.B. für die Geburtseinleitung, oder um Wehen stundenlang zu stimulieren. Ist es nebensächlich, dass - wie man heute weiß – Plazenta und fetale Leber durchlässig sind dafür? Und hat sich jemand je damit beschäftigt, wie die Hirnschranke des Fetus auf oxitativen Stress reagiert?
Die gängigen Kriterien scheinen angesichts des neuen spektakulären Wissenszuwachses nicht mehr ausreichend. Neue Kategorien müssen entwickelt werden, und das, was bisher nur als Detail betrachtet wurde, müsste Eingang in alle perinatalen Erhebungen finden.
Diese Überlegungen führten dazu, Studienergebnissen aufzuzählen die hohe Korrelationen aufzeigen zwischen den Geburtsumständen und dem späteren Auftreten spezifischer Auffälligkeiten (z.B.: Anorexia nervosa, Spektrum des Autismus, Suizidgefährdung u.v.m.) Die in der Fachliteratur übliche Klassifizierung solcher Auffälligkeiten/ Krankheitsbilder erschwert die Suche. Siehe: (www.birthworks.org/primalhealth)
Die „unbequeme Wahrheit“ ist, so Dr. Michel Odent, dass der Mensch die Ursache aller Übel ist. Der „Homo predator“, der Natur, Länder, Mitmenschen beherrschen will, der Krieger gegen Menschen und Erde, der Umweltverschmutzer, hat sich zu einem „Homo super predator“ entwickelt, der nun die Möglichkeit hat, die Liebesfähigkeit mit all ihren Facetten zu beeinflussen, ja gar zu vernichten.
Trotz dieser pessimistischen Zukunftsschau wurden als ermutigender Abschluss Gründe für Optimismus genannt! Denn mittlerweile weiß auch die Wissenschaft: Babys brauchen ihre Mütter; die Bedürfnisse der Gebärenden für eine spontane Geburt sind bekannt; die Rollen der Hebammen und Doulas werden neu entdeckt. Die Grenzen der Beherrschung eines natürlichen Vorgangs wurden erreicht. Und so haben wir es in der Hand, aktiv zu werden, sodass der Homo ecologicus geboren wird, damit die Liebesfähigkeit sich entfalten kann, damit die Mutter Erde wieder respektiert wird.
Die TeilnehmerInnen kamen aus 32 Ländern aus 5 Kontinenten; 42 Berufe waren vertreten. Viele Babys wurden betreut. Von den 1.300 TeilnehmerInnen waren höchstens 100 Männer. Sagt dieses Verhältnis etwas aus über das Gefühl der Verantwortung der Frauen für die kommenden Generationen und für die Zukunft der Liebesfähigkeit auf unserem Planeten?
Die Organisation lies nichts zu wünschen übrig, die Übersetzung Spanisch/Englisch, simultan oder konsekutiv, war einwandfrei. Die großzügigen Pausen auf die sonnigen Terrassen dienten den Austausch, außerdem konnten vier Kunstausstellungen besucht werden; Lactographies, Mother nature, Colostrum Revolution und Mothers of the Mother Land. Ich musste auch noch bei „meinem“ spanischen Poster anwesend sein. „Die Entwicklung der Geburtshäuser in Deutschland“ fand großes Interesse. Geburtshäuser sind eine deutsche Spezialität. Dort finden spontane Geburten statt, und die guten Statistiken sind beeindruckend.
Wir sind in Spanien! Als am Abend des ersten Tages alle erschöpft waren, kam zum guten Schluss ein Perinataloge auf die Bühne, griff zu Gitarre und zum Mikrophon. Es dauerte nicht lang, bis das ganze Auditorium stehend mitsang. Die humorvollen Lieder zu medizinischen Themen regten sogar zum Tanzen an. Es brauchte nur einen Funken, um die Lebensfreude in körperlichen Spaß umzuwandeln.
Wir Teilnehmerinnen bereiten die Ankunft der Liebesgöttin vor, Venus wird bald ihrer Muschel entsteigen und in unsere Mitte treten können.